Warum Microsoft seine größten Fehler immer wiederholen muss

Jetzt ist es also fast amtlich, Windows 8 soll ein Flop werden.

windows-8Klingelt da nicht etwas? Da gab es doch noch weitere fast ähnlich gestartete Debakel. Wie war das mit Millenium und mit Vista?

Alleine beim Nennen dieser Namen kommt mir ein leiser Schauer über den betatestergebeugten Rücken.
Als ich *persönlich* das erste Mal ein Smartphone mit der für Windows 8 als Vorbild dienenden gekachelten Userschnittstelle sah, klingelten bei mir alle Usabilityglocken. Selbst die Spitzenreiter der Benutzerfreundlichkeit, sonst würde ja niemand ein Samsung oder iPhone kaufen, tun sich immer noch schwer eine tatsächlich alltaugliche Benutzeroberflächen zu gestalten. Die Kacheln waren auf den kleinen Smartphones aber noch ganz nett anzuschauen.

Als ich dann aber zum ersten Mal einen PC Bildschirm mit Kacheln sah, *grins* glauben Sie nicht, was ich empfand. Aber vielleicht können Sie es ja doch nachempfinden. *Lach*
*Oh, was ist das?* Da hat sich doch jemand einen Scherz erlaubt. Eine Smartphone-Oberfläche auf einen PC überspielt. Nette Idee! Erinnert mich an die Commodore 64 Clones die man auf einem Windows PC installierte, um seine Freunde zu erschrecken. *Lach!*
Aber funktioniert so ein Smartphoneapp denn auch auf so einem Core4 PC? – Können Sie mir das mal zeigen? – Das müssen Sie ab sofort …  Ach Du schei… das ist ja…! *erschreck* – Neeeee, das soll das Betriebssystem sein? Sind Sie sicher?  *umsichschau* … Wo ist denn hier die versteckte Kamera? … *ungläubiges Staunen*

Hält man das für möglich? *stilles Verwundern* Was haben die sich dabei gedacht? Das nehmen wir User nicht ab, sorry liebes Entwicklerteam *kopfschüttelndavonlauf*“
Bis heute ist mir das Kopfschütteln geblieben und beinahe täglich wartete ich auf die Zahlen wie sich das Geschäft für den Riesen aus Kalifornien entwickelt. Heute nun hat ein renommiertes Institut in den USA den Flop durch Bekanntgabe seiner Prognosen offiziell gemacht. Windows 8 ist nicht das, was es vorgab zu sein. Es wird nicht zum Retter der PC Welt.

Das Superherocape im Kachelformat konnte nicht schützen, zu viele Nähte waren lieblos geklebt worden. Aber warum macht Microsoft immer wieder dieselben Fehler? Fragen Sie in Ihrem fachlichen versierten Bekanntenkreis einmal nach, was hälst Du von W8, welche Antworten erhalten Sie? Ganz genau, 7 von 10 schauen Sie zuerst verwundert an warum Sie eine solche Frage überhaupt erst stellen. Sie sehen natürlich sofort die Mängel. Da fragt man sich doch, hat Microsoft keinen fachlichen Bekanntenkreis? Schließen die sich in ihrem Elfenbeinturm ein und basteln etwas in grenzenloser Kreativität zusammen? Ich kann es mir lebhaft vorstellen – fast ein Kintopp-Kino Erlebnis in meinem Kopf. Gewichtige Kreative stecken die Köpfe zusammen, lachen, tuscheln, rennen umher, konferieren darüber wie sie die Welt retten können.

Alles läuft in Stoppmotion, also als schneller Film mit vielen Schlieren und hin und wieder einmal einer Kachel. Da sehe ich den Chefentwickler, nennen wir ihn zu seinem Schutz Will.

Will ist noch im Schatten der ersten Entwickler groß geworden, hat beobachtet wie vor ihm die Entwickler von Vista und Millennium gefeuert wurden. Das waren keine guten Erinnerungen. Er war da noch Student und hat ein fast kostenloses Praktikum bei Microsoft machen dürfen. Er weiß noch den Tag, als er zum ersten Mal in die heiligen Hallen kam, kaum in der großen Glasvorhalle vor lauter Staunen zum Stehen gekommen, stolperte an ihm ein Häuflein Elend im zerzausten Anzug vorbei und als er ihm nachsah, bekam er gerade noch mit, wie das Elend draußen vor dem Eingang auf die Knie fiel, schreiend, zuckend, bebend – den Kopf mit gebrochenem Hals zum blauen Himmel hinauf gedreht. Alles was einer kurzen Stille folgte, war ein im Krächzen erstickter Schrei, denn alle inzwischen stehen geblieben Teilhaber dieses Schauspieles hörten. „Why“ stürmte es aus tiefstem Schmerz. Will erschrak und fragte den am nächsten Stehenden, wer das denn sein. Dieser hob nicht einmal seine Augen, mit dem Rücken zum Ausgang hatte er die ganze Szene nicht beachtet, bewegte er nur ganz leicht sein Lippen und Will vernahm das Wort nur weil er sich gerade etwas zu diesem Fremden hin beugte. „Vista“ schwappte geflüstert an sein Ohr.

Will bekam erst in den Wochen darauf hin die Tragik dieses kleinen Wortes beigebracht, aber noch heute schauerte es ihn, wenn er an das Bild des Elendigen dachte. Das durfte niemals wieder passieren, also hatte er tagelang an dieser Charta gearbeitet. Sie fing mit dem ersten Punkt an, wie alle Chartas. Mit einer Präambel. Dieses Charta wurde von blah blah blah … zum Zwecke der … blah blah blah … erstellt und soll … blah blah blah. Paragraph 1. Stelle sicher, dass ein Betriebssystem nie am Willen des zukünftigen Käufers vorbei geht. So geht es dann über 11 weitere Paragraphen.

Nun sehen wir, wie Will in der Endphase diese Charta allen verständlich machen will. Er schreibt diese Charta für das neue Betriebssystem auf, fein säuberlich, dann reicht er es als Memo herum. Keine Antwort, nur das „hab es gelesen“ Bestätigungsrechteck blinkte am Bildschirm. Keine Reaktion, wissen denn die nicht, was auf dem Spiel steht.

Er fragt einen der Kollegen, der auf seiner Augenhöhe operierend, sicherlich genug Einschätzungsvermögen haben sollte. „Ach Will“, entgegnete der, „das ist doch übertrieben, völlig unnötig, *kopfsenkend* wir haben doch win7 super hinbekommen und das haben wir ganz alleine geschafft *kopfschüttelnd*, da werden wir doch so ein kleines Upgrade *wild fuchtelnd* doch hinbekommen. Doch Will konnte sich nicht beruhigen, er hatte das Bild des Elendigen vor Augen. Also druckte er die Charta in genügender Zahl aus und verteilte die Kopien eigenhändig an die 12 Entwickler, die jeweils dieses wieder an ihre jeweils 70 Abteilungsleiter weitergaben, welche dann jeweils 12 Kopien anfertigten für ihre Mitarbeiter.

Doch Will hatte vergessen, das fast alle Mitarbeiter nur noch ein Smartphone als Überbringer wirklich wichtiger Nachrichten akzeptierten. Der Altersdurchschnitt war nach Vista und dann nochmal nach Win7 drastisch gesenkt worden und so war fast niemand mehr da, der Papier überhaupt anfassen wollte. Die wenigen, die über 40 waren und Papier noch als einen bewahrenswerten Rohstoff betrachteten, lasen es natürlich, aber schüttelten den Kopf. Wozu verschwenden die da oben jetzt diesen wertvollen Rohstoff?

Will war aber überzeugt, dass seine Projekt-Charta einfach richtig ist und man sollte immer das Richtige tun. Also schreibt er sie nochmals auf, feiner, noch säuberlicher. Lässt sie auf Hochglanz drucken und jedem der 12*70*12 zustellen. Doch wir befinden uns im Niedergang des Direktmarketings und Hochglanzprospekte sind immer noch sehr suspekt.

Also spricht Will seine 12 direkt an, doch die Mitarbeiter haben ihre eigenen Ideen im Kopf und rennen diesen in verzweifeltem Verlangen hinterher, das Richtige zu tun. Fragt man sie dann, was das Richtige denn ist, bekommt man sehr fragwürdige Antworten, die eher in ein Rotlichtviertel gehören.
Will bleibt nur noch eine Möglichkeit. Was tut der Chefentwickler, er macht ein Prezi, welches er in Pecha-Kucha-Manier präsentieren will. Seine Charta also in einer grafischen Darstellung aufbereiten, damit nun jeder die Punkte „Wie rette ich die Welt“ wahrnimmt. Der Mensch ist ja ein visuelles Tier.
Er entwirft ein Layout für die Präsentation, er legt einen Desktop wie einen großen Bogen an und teilt diesen in lauter kleinere Rechtecke. Dann denkt er an seine 12 „Chief Software Application Engineer and Softintelligent Developer Department one“ und kommt auf eine Idee. Er gibt jedem Rechteck eine Farbe und schreibt in jedes Rechteck einen Punkt der Charta. Er weiß, Chief of Assistant Chief Engineers John liebt Rosa. Alle wissen natürlich warum John rosa liebt, nur er selbst nicht und keiner sagt es ihm.

Peter dagegen ist ein sehr, sehr altes, sehr männliches Schlacht-Ross, er ist der chief of infrastructure engineer field service and software developer und liebt blau. Dunkelblau, genauer gesagt. Peter kam als er 20 war dazu und ist seit 30 Jahren dabei und weiß genau, blau ist die Lieblingsfarbe fast aller Menschen. Warum sonst wäre der Himmel blau, ist sein Motto? Von ihm stammt noch die erste Win 1.0 Blau Overfläche. Darauf ist er heute noch stolz.

Sie erinnern sich, das war der Übergang von der schwarzen Konsole mit den blinkenden Lettern „Erase all *.* Yes/No“ zum benutzerfreundlichen himmelblauen Bluescreen „No Boot System found“. Ein anderes Beispiel ist Christine, Chief Of Software Architect Modernizing Solution And Usablity Developer, sie liebt helles grün, kommt fast immer mit einem hellgrünen Kostüm ins Büro, zieht dann einen tiefdunkelgrünen Blazer an, weil Dunkel verschafft ihr mehr Autorität, das hatte der letzte Motivationstrainer ihr so beigebracht. Auch hier kämpft Frau also noch mit den Waffen eines Mannes.

Nachdem Will das Prezi fertig hatte, versammelte er alle Mitarbeiter in der großen Halle am Eingang. Bewusst hatte er diesen Ort gewählt, denn das Bild des Elendigen würde ihm helfen die Charta dringlicher rüberzubringen, das musste ihm kein Motivationstrainer sagen, das spürte er ganz einfach.
Er hatte sich gut vorbereitet und fing an.

„Freunde, wir stehen hier am Anfang einer neuen Dekade, unserer Dekade. Hier habe ich Ihnen heute etwas mitgebracht, was die Grundlage für unsere gesamte Entwicklungszeit, von immerhin einigen Monaten, dazu dienen soll, dass wir nie das Ziel aus den Augen verlieren“ *Blickkontaktsuchen* *Pause* *Titelbildumschalten*
„Auf dieser Darstellung sehen Sie Kacheln, *Raunen in der Halle*, ich habe dies so um der besseren Lesbarkeit eingeteilt, sie geben wieder, was wir uns als Grundlage einprägen müssen. Darf ich Sie alle bitten und ich schließe mich damit ein, bei all unserer Arbeit dürfen wir das niemals aus den Augen verlieren“.
Dann stellte er Kachel für Kachel vor, alle Leitsätze und vergaß nie, wenn er zu einer bestimmten Farbe kam, zu demjenigen hinzuschauen, für den er diese eingesetzt hatte. Die Prezi Kacheln, das Pecha Kucha und die Charta schienen seine Wirkung zu tun. Nach den 20 Folien mit jeweils 20-sekündiger Präsentation je Bild und der Vorlesung der Charta-Paragraphen war der Vortrag nach 6 Minuten 40 Sekunden vorbei. Diese 6 Minuten und 40 Sekunden haben über das Schicksal der ganzen Welt entschieden und während der Präsentation hatte sich mehr und mehr Stille breit gemacht. Sogar das ansonsten kaum überhörbare Rascheln von Kaugummipapier war gegen Ende ganz verschwunden oder zu mindestens nicht mehr zu hören. Wie eine solche bannende Trance, in so kurzer Zeit, auf eine solche Menge an Menschen kommen konnte, war außerhalb des Planet-Microsoft sicher nur in Massen-TV-Hypnose-Events erlebt worden. Da lag sie nun die Spannung und wartete darauf erlöst zu werden.
Was dann kam überraschte Will fast zu Tränen. Als das schiere Platzen des Glasdaches fast schon spürbar war und die Erwartung unerträglich wurde, passiert es.

Er war fertig mit seinem Beitrag, hatte die letzte Kachel der Charta vorgestellt, in der es hieß. „Sollten Verabredungen außerhalb dieser Charta vereinbart werden und in Ihren Inhalten nicht jedem der Kacheln der Charta entsprechen, sind diese Verabredungen nicht gültig“.

Ein zwar abgegriffenes Wort aus der Literatur, aber dennoch ein kraftvoller Ausdruck, der am besten wiedergab, was kam. Tosender Applaus. Stehende Ovation. Händeschütteln. Schulterklopfen *Häppchen reindrücken, die auch schon bereit standen*, Glückwünsche zu diesem Konzept. Jetzt hatten sie alle ein Ziel, vorbei das rastlose suchen.
Kurz darauf schickten Sie Will in einen Kurzurlaub, denn er hatte ja jetzt alles gegeben, ab jetzt war es die Sache seiner Chief of…

Drei Monate später. Die Halle. Ein junger studentisch gekleideter und mehrfacher Hochschulabsolvent namens Trevor tritt staunend unter die Glaskuppel des Palasthofes und schaut sich geblendet um. „Endlich… *die Faust in der Tasche ballend* ich hab es geschafft“ denkt er. Dann wird seine Anbetung jäh unterbrochen. Eine Tür wird aufgeschleudert und explodiert fast als sie an die Wand kracht. Jemand stürmt zerzaust heraus, elendig anzusehen mit erhobenem Finger und direkt auf ihn zu. Trevor schaut gebannt hin, doch kurz vor ihm dreht dieser ab und beinahe über seine eigenen Füße stolpernd treibt es ihn machtvoll nach draußen. Dabei stößt er Laute aus die zwar gequält, aber gerade noch verständlich sind. Ein ganz einfaches torkelndes „No … No … No… No…“ wiederholt sich ständig und fällt hinter ihm immer wieder auf den glänzenden Marmor. Draußen bleibt er kurz stehen, schaut auf den Boden und noch etwas lauter dringt ein letztes „Noooo…“ in die Halle hinein. Trevor fragt den nächst zu ihm stehenden Weißkittel, wer das denn sei. Der Weißkittel neigt sich ihm mit spitzem Mund zu und versucht es im flüsternd zu überreichen. Trotzdem hört es fast die ganze Halle. Die Halle haucht es wieder: „W8“

mit den besten Wünschen für das nächste Betriebssystem
Matthias Kletzsch
www.silvercoach.de

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